Seit vielen Jahren begleiten uns Meldungen über Arzneimittel-Lieferengpässe, die nach offiziellen Angaben rund 500 Produkte betreffen. Bei den allermeisten Lieferengpässen kommt es zu keinen Versorgungsengpässen, da es Alternativen zu den fehlenden Arzneimitteln gibt. Kritisch wird die Lage dann, wenn beispielsweise Antibiotika fehlen, denn hier gibt es häufig keinen adäquaten Ersatz und diese Arzneimittelgruppe ist lebensrettend.
Das Gros der Antibiotika wird nicht mehr in Europa oder den USA hergestellt, sondern in Asien. Das ist angesichts der derzeitigen politischen Lage mit mehreren Kriegsschauplätzen und einer neuen geopolitischen Lage sehr beunruhigend, denn einerseits kann die Nichtbelieferung mit Antibiotika als Waffe eingesetzt werden. Andererseits kann es im Katastrophenfall, sei es durch eine Umweltkatastrophe oder auch im Bündnisfall sehr schnell zu Engpässen kommen, da der Bedarf an Antibiotika auf Grund vieler Verletzter schnell stark ansteigen kann. Da beunruhigen die Meldungen, dass immer weniger Pharmafirmen Antibiotika in Europa herstellen. In Deutschland gibt es keinerlei Produktion mehr. In Italien (Brindisi) hat das Unternehmen EUROAPI ihre einzige Antibiotikaproduktionsstätte im März 2024 geschlossen, da es auf Grund von Unregelmäßigkeiten zu Qualitätsproblemen gekommen war [[1]]. Die Herstellung ist nie wieder aufgenommen worden und die Fabrik steht jetzt zum Verkauf. Die dänische Firma Xellia kündigt im Mai 2025 an, dass sie die Herstellung Fermentations-basierter Nicht-ß-Lactam-Antibiotika wie z.B. Colistin, Tobramycin oder Vancomycin nach China verlagern will [[2]]. Im Februar 2026 teilte Roche mit, dass sie die Produktion von Rocephin (Ceftriaxon) in Kaiseraugst (Schweiz) einstellt, da sie zu teuer ist und die Margen auf Grund sinkender Medikamentenpreise in den letzten Jahren kleiner geworden sind [[3]]. Umso mehr beunruhigt die Nachricht der Firma Sandoz, die seit 60 Jahren Penicilline am Standort Kundl (Österreich) herstellt und gerade erst 200 Millionen Euro in das Werk investiert hat, dass sie gegen die chinesischen Marktmacht nur schwer ankommt [[4]]. Ein Verlust dieses Werkes ist besonders kritisch, da hier eine End-to-End-Herstellung stattfindet, also vom Arzneistoff bis zum fertigen Produkt.
Diese Entwicklung ist nicht neu; sie zeichnet sich bereits seit 20 Jahren verstärkt ab [[5]], da Krankenkassen immer weniger Geld für generische, also Nachahmer-Arzneimittel, ausgeben. Die Vergangenheit lehrt auch, dass einmal „gegangene“ Produktionsanlagen nie wieder zurückkommen, da sich eine Investition in eine neue Produktionsanlage für generische Antibiotika nicht lohnt und zudem die Ausschreibung von Rabattverträgen alle drei Jahre keinerlei Sicherheit in Bezug auf Amortisierung der Investitionskosten bietet.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Forderung der Europäischen Union in dem Critical Medicines Act [[6]] und des deutschen Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) [[7]], die Produktion zurückzuholen, nahezu naïv.
Dabei wäre die Lösung einfach; die Abhängigkeit von China und Indien könnte überwunden werden, wenn wir bereit wären für lebenswichtige, generische Arzneimittel wie z.B. Antibiotika mehr Geld auszugeben, so dass sich die Produktion in Europa lohnt. Der Idealfall wäre eine End-to-End-Herstellung, um wirklich unabhängig von Asien zu sein. Dazu gehört auch, dass die Krankenkassen im Wesentlichen in Europa hergestellte Arzneistoffe bzw. Arzneimittel berücksichtigen. D.h. wir müssen uns bei lebenswichtigen Generika wie Antibiotika von Rabattsystemen und Festbeträgen verabschieden, um die Resilienz der Arzneimittelversorgung der Bevölkerung in Krisenzeiten zu erhöhen. Das wird im Notfall billiger sein, als auf dem Weltmarkt mit anderen Ländern um die knappe Ware zu konkurrieren! Wenn Reshoring nicht möglich ist, dann sollten wir die letzte Antibiotika-Produktion in Europa nicht gehen lassen.
Prof. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz und Prof. Dr. Ulrike Holzgrabe
für die Stiftung für Arzneimittelsicherheit
Literatur (alle gelesen am 16.6.2026)
[1] https://chemanager-online.com/en/news/2024-guidance-suspended-api-production-paused-in-brindisi-italy
[2] https://www.businessinsider.de/wirtschaft/wichtiger-europaeischer-antibiotika-wirkstoffhersteller-will-produktion-verlagern/
[3] https://www.20min.ch/story/roche-letzte-schweizer-antibiotika-produktion-soll-verkauft-werden-103509385
[4] https://www.nzz.ch/wirtschaft/alpenfestung-fuer-antibiotika-wie-eine-sandoz-fabrik-die-marktmacht-der-chinesen-spuert-ld.10008479
[5] https://cms.wellcome.org/sites/default/files/2022-04/understanding-the-antibiotic-manufacturing-ecosystem-2022.pdf
[6] https://health.ec.europa.eu/medicinal-products/critical-medicines-act_en
[7] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/albvvg]
