Sicher haben Sie das auch schon einmal erlebt. Sie bestellen ein Kleidungsstück bei einem Online-Händler und dieses soll dann mit einem Lieferdienst zu Ihnen kommen. Beim ersten Lieferversuch waren Sie angeblich nicht da, beim zweiten auch nicht; wahrscheinlich ist der Zusteller gar nicht bei Ihnen gewesen. Und dann lassen sie es an einen alternativen Ort, z.B. eine Tankstelle, liefern. Es kann aber auch vorkommen, dass die Buch-Lieferung einfach irgendwohin geworfen wird, und Sie finden sie nur per Zufall. Der Spielarten gibt es da viele. Solange es sich um T-Shirts oder Bücher handelt, nehmen Sie persönlich keinen gesundheitlichen Schaden. Die Lieferung kann schlimmstenfalls gar nicht bei Ihnen ankommen.
Anders sieht es aus, wenn Sie ein Arzneimittel in einer in- oder ausländischen Internetapotheke bestellen. Was geschieht, wenn es am Liefertag sehr heiß ist, z. B. kürzlich ca. 40 oC, und das Arzneimittel lagert länger in einem nicht perfekten klimatisierten Lieferfahrzeug. Wenn der Lieferant Sie (angeblich) nicht antrifft, fährt das Arzneimittel auch am nächsten Tag noch mit, evtl. sogar noch einen dritten Tag. Und dann entscheiden Sie aus Verzweiflung, dass das Arzneimittel an ein nicht klimatisiertes Abhol-Depot geliefert wird, da es ja sicher nicht auf Ihrer Terrasse abgelegt werden soll, so dass es jeder – auch Kinder – finden kann.
So stelle ich mir die Lieferung eines im Online-Shop bestellten Arzneimittels auf Grund meiner vielfältigen, meist schlechten Erfahrungen mit Zustellungsdiensten vor. Dies ist für mich persönlich ein Grund, lieber in der Vor-Ort-Apotheke zu kaufen, denn dann ist alles unter Kontrolle, von der Produktion des Arzneimittels über die Lieferung an den Großhandel bis zur Apotheke und Ihrem Kauf. Selbst die sogenannte „letzte Meile“, die das Arzneimitteln mittels eines Apothekenlieferdienstes bei Nachbestellungen zurücklegen muss, ist zuverlässig, schnell und geregelt.
Die Stabilität und Qualität der Arzneimittel wird nach genauen Regeln geprüft, und zwar für einen genau definierten Temperaturbereich und Zeitraum. Nur für den Fall übernimmt der Arzneimittelhersteller die Garantie, das alles in Ordnung ist. Unsere Gesundheitsministerin, Frau Warken, hat das gewusst und wollte den Lieferdiensten wichtige Transport-Regeln vorschreiben, die ggf. einige Zulieferdienste nicht einhalten konnten, aber EU-Regeln waren dagegen. Sind EU-Regelungen immer richtig? Die EU hat sich schon einmal mit der Kommunalen Abwasserrahmenrichtlinie (KARL) aus dem falschen Fenster gelehnt und muss jetzt neu diskutieren. Warum nicht auch bei einer im Grunde unkontrollierbaren Belieferung von Arzneimitteln aus dem In- und Ausland.
Natürlich stellt sich die Frage, was kann den Arzneimitteln in der Hitze passieren? Das hängt einerseits von der Arzneiform ab. Zäpfchen können schmelzen und dann nie wieder fest werden. In wässrige Lösungen, wie z.B. Injektionen oder Inhalationslösungen, beschleunigt sich der mögliche chemische Abbau des Arzneistoffes deutlich. Injektionslösungen sind also nur bedingt stabil, was natürlich auch vom Wirkstoff abhängig. Sogenannte biologische Arzneimittel wie Semaglutid oder Tirzepatid, d.h. die Abnehmspritzen, sollen im Kühlschrank gelagert werden und nach Anbruch nur 30 Tage bei Raumtemperatur (max. 30 oC). Ähnliches gilt für Insuline. Emulsionen, d.h. Cremes, können „Aufrahmen“, d.h. wässrigen oder lipophilen Phasen trennen sich, was eine richtige Anwendung schwierig macht. Tabletten hingegen sind zumeist recht stabil. Hier wird ein evtl. empfindlicher Wirkstoff durch Hilfsstoffe stabilisiert. Unsere eigenen Studien zur Stabilität von Wirkstoffen und Arzneimitteln haben zwar häufig ergeben, dass die Stabilität größer ist als erwartet, aber das kann man generell nicht sagen, denn die Chemie eines jeden Wirkstoffes ist verschieden.
Die Stabilität ist charakteristisch für jeden Wirkstoffes. Im Europäischen Arzneibuch, das die Qualität eines jeden Arzneistoffes beschreibt, gibt es bei jeder Monographie ein Lagerungshinweis, z.B. vor Licht und/oder Hitze geschützt, wenn der Arzneistoff empfindlich ist. Das spiegelt sich natürlich auch auf der Medikamenten-Packung wider. Aber der Zusteller des Paketdienstes, der Ihnen das bestellte Arzneimittel bringen soll, sieht diese Hinweise gar nicht, denn das Medikament ist ja in einem verschlossenen Päckchen.
Ein Arzneimittel ist eben kein T-Shirt und sollte temperaturkontrolliert seinen Weg zu uns finden, denn es kann unser Leben retten! Das kann ein T-Shirt nicht.
Prof. Dr. Ulrike Holzgrabe
für die Stiftung für Arzneimittelsicherheit

