Bei einem gemeinsamen, auch ausführlich aufgezeichneten Online-Vortrag des House of Pharma & Healthcare und der Stiftung für Arzneimittelsicherheit zeigte Dr. Thomas Wozniewski, Global Manufacturing & Supply Officer und Country Head Switzerland des global operierenden, japanischen Pharmaunternehmens Takeda, wie umfassend Künstliche Intelligenz (KI) die Pharmaindustrie verändert. Schon in seiner Begrüßung des Referenten und der virtuell zugeschalteten Teilnehmer betonte Prof. Jochen Maas, Vizepräsident des House of Pharma & Healthcare, dass KI längst kein Randthema mehr sei, sondern jeden Abschnitt der pharmazeutischen Wertschöpfungskette berührt.
Unter dem Titel „Künstliche Intelligenz in der forschenden Arzneimittelindustrie: Innovation neu gedacht“ spannte Dr. Wozniewski anschließend den Bogen von frühen Forschungsanwendungen über klinische Studien und Produktion bis hin zur Versorgung der Patientinnen und Patienten. Im Mittelpunkt stand dabei nicht nur die Innovationskraft von KI, sondern die Frage, wie menschliche und maschinelle Intelligenz sinnvoll zusammenspielen und wie sich die Balance zwischen Fortschritt, Qualitätssicherung, Ethik und Nachhaltigkeit gestalten lässt. Takeda befinde sich, so Wozniewski, in einem tiefgreifenden Wandel hin zu einem „KI-orientierten Unternehmen“ – mit dem Ziel, „KI so schnell und so nachhaltig wie möglich in Arbeitsprozesse“ einzubinden.
Vom Molekül bis zum Patienten: KI entlang der gesamten Wertschöpfungskette
Dr. Wozniewski machte in seinem Vortrag deutlich, wie breit das Einsatzspektrum von KI in der pharmazeutischen Industrie bereits ist – von der frühen Forschung zur Entdeckung neuer Moleküle über klinische Studien bis hin zu verbesserter Diagnose, personalisierter Medizin, Anwendungen im Vertrieb sowie der Optimierung von Produktion und Lieferketten. Als eindrucksvolles Beispiel zeigte er das MIT–Takeda-Programm (eine Kollaboration mit dem in Boston ansässigen Massachusetts Institute of Technology), in dem inzwischen 22 KI-Projekte entlang der Arzneimittelentwicklung umgesetzt wurden – von Deep Learning für Mensch-Mikrobiom-Interaktionen und Biomarker-Identifizierung über die KI-gestützte Vorhersage von Therapieansprechen bis hin zur Automatisierung der visuellen Kontrolle in der Produktion.
Dr. Wozniewski stellte auch eine KI-gestützte diagnostische Innovation vor, ein tragbares EEG-Gerät mit KI-Analytik, welches die Erkrankung Narkolepsie Typ 1 anhand neurobiologischer Biomarker identifizieren kann. Das aus der strategischen Partnerschaft von Takeda mit Beacon Biosignals hervorgegangene Projekt hat das Ziel, durch einen von der FDA zugelassenen Heimtest die Diagnoserate der Erkrankung zu beschleunigen.
Einen besonderen Schwerpunkt legte Dr. Wozniewski – als Global Manufacturing & Supply Officer – auf KI-getriebene Innovation in der Produktion und für die Lieferketten, welche durch digitale Innovationen wie zum Beispiel digitale Zwillinge für Plasmaprodukte vorangetrieben werden können. KI-Systeme wie Takedas digitaler „AI-Investigation Assistant“ können auch bei der Qualitätssicherung in der Produktion helfen, indem sie zum Beispiel strukturierte Zusammenfassungen von Abweichungen generieren und etwa bei Ursachenanalysen unterstützen.
Agentische KI als Katalysator der Zukunft
Um die aktuelle Entwicklung einzuordnen, zeichnete Wozniewski die technologische Evolutionslinie von regelbasierten Expertensystemen über maschinelles Lernen und Deep Learning hin zu generativer KI. Den nächsten großen Wendepunkt sieht er in der sogenannten agentischen KI, welche die erste Form der KI ist, die Ziele verstehen, Zwischenschritte planen, externe Tools nutzen und Ergebnisse selbständig überprüfen kann.
„Agentische KI wird unser Katalysator sein, um KI voranzutreiben und uns dazu bringen, unsere Arbeitsweise grundlegend zu überdenken“, fasste er zusammen. Während klassische KI häufig isolierte, klar umrissene Aufgaben löse, entstünden nun digitale Agenten, die ganze Prozessketten orchestrieren – von der Datenabfrage über die Analytik bis zum automatisch vorbereiteten Maßnahmenvorschlag.
Wozniewski zeigte auf, wie Takeda schrittweise agentische KI in die Organisation integriert. Die erste Stufe bilden hierbei Co-Pilot-Systeme, die als persönliche Assistenten der Mitarbeiter fungieren und zum Beispiel Meetings mitschreiben oder Übersetzungen bereitstellen. In der zweiten Stufe werden Agenten zu digitalen Kollegen, die Teilaufgaben selbstständig übernehmen. Nun steht Takeda an der Schwelle zu einer dritten Phase, so Wozniewski. Das Unternehmen beginne jetzt damit, ganze Geschäftsprozesse agentisch auszuführen: „Menschen geben die Richtung vor, die Agenten führen die Prozesse und melden sich, wenn es wirklich nötig ist.“
Daten als zentrale Schnittstelle für erfolgreiche KI-Projekte
Wozniewski stellte qualitativ hochwertige Daten als Grundvoraussetzung erfolgreicher KI-Projekte heraus. Um Datenqualität zu gewährleisten, bestehe ein Bedarf nach klarer Daten-Governance mit Standards für Datenherkunft, Provenienz und Konformität. Takeda investiere dafür in skalierbare Cloud-Infrastrukturen, robuste Netzwerke, Cybersicherheit und moderne Datenontologien, um Daten aus klinischen, genomischen, bildgebenden und Versorgungsquellen zu integrieren und für KI-Anwendungen nutzbar zu machen. Hierbei sind ethische Fragestellungen – von der Vertraulichkeit sensibler Patientendaten bis zur Vermeidung algorithmischer Verzerrungen – zentral. Zudem bilden regulatorische Vorgaben für Datenstandards und Transparenz der Modelle neue Herausforderungen, aber auch neue Möglichkeiten, wie die Nutzung von KI durch Regulatoren, wie die US-amerikanische Behörde FDA.
Ein Schlüsselthema ist für Wozniewski der branchenübergreifende Datenaustausch. Konsortien wie Project Data Sphere dienten als Beispiel, wie der Austausch von anonymisierten Krebsdaten Forschung und Entwicklung beschleunigen und den Zugang zu klinischen Daten für neue Therapieansätze verbessern könne. Gleichzeitig blieben Datenschutzauflagen, Schutzrechte und Wettbewerbsdynamiken ein Balanceakt für die beteiligten Unternehmen.
Die Arzneimittelindustrie der Zukunft: Menschen im Mittelpunkt und Nachhaltigkeit mitgedacht
Trotz aller Automatisierung blieb eine Botschaft des Abends klar: Die menschliche Erfahrung bleibt zentral. Um KI bestmöglich in Geschäftsprozesse zu integrieren, müssten Unternehmen Rollen neu zuschneiden, Prozesse aktualisieren und die vorhandenen Kompetenzen der Mitarbeitenden weiterentwickeln. Führungskräfte spielen hierbei laut Wozniewski eine Schlüsselrolle: Sie müssen die Richtung vorgeben, hybride Teams aus Menschen und Agenten befähigen und helfen, eine digitale Denkweise zu kultivieren.
„In der Zukunft der Arbeit geht es nicht darum, sich zwischen Menschen und KI zu entscheiden“, so Wozniewski. „Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen beide gedeihen können.“
Ein weiterer Aspekt, den Wozniewski hervorhob, ist die Nachhaltigkeit: KI-basierte Prozesse benötigen erhebliche Rechenleistung und damit Energie. Vor dem Hintergrund der unternehmensweiten Verpflichtung Takedas, bis 2040 Netto-Null-Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu erreichen, werde jede neue Anwendung auch auf ihren ökologischen Fußabdruck geprüft. Digitalisierung könne hier ein Teil der Lösung sein – etwa durch papierlose Produktion, optimierte Lieferketten und effizientere Anlagensteuerung.
Wie stärken wir Vertrauen in KI? Fragen aus dem Publikum
Im Anschluss an den Vortrag beantwortete Dr. Wozniewski Fragen der virtuell zugeschalteten Teilnehmer. Eine Teilnehmerfrage zielte darauf ab, wie sich Transparenz und Nachvollziehbarkeit auf großen Sprachmodellen basierender agentischer KI sicherstellen lasse. Wozniewski erläuterte, dass Takeda auf mehrere Ebenen der Absicherung setze: Ergebnisse würden von zweiten, unabhängigen Agenten gegengeprüft, kritische Entscheidungen blieben in der Verantwortung qualifizierter Fachexperten. Gerade in frühen Phasen würden KI-Vorschläge auch systematisch qualifiziert und validiert. „Auch Menschen machen Fehler – man kann nicht erwarten, dass KI fehlerfrei sein wird“, so sein Fazit. Wozniewski zog den Vergleich mit selbstfahrenden Autos und erwähnte, dass es entscheidend sei, Risiken zu verstehen, zu überwachen und im Vergleich zu bestehenden Prozessen einzuordnen. Zudem betonte Dr. Wozniewski noch einmal die Wichtigkeit der Qualität der Daten und der Transparenz von Modellen, um das Vertrauen und die regulatorische Akzeptanz für KI-Modelle zu erhöhen.
Großes Interesse fanden auch die Erfahrungen mit der Einführung digitaler Systeme im Produktionsalltag. Wozniewski schilderte offen, dass es zu Beginn durchaus Vorbehalte gegeben habe – etwa bei der Umstellung von papierbasierten Dokumentationen auf elektronische Systeme oder beim verstärkten Einsatz von Robotik. Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz, die Frage nach künftigen Kompetenzanforderungen und der Umgang mit neuen Tools seien nachvollziehbare Reaktionen. Takeda investiert daher in die Qualifizierung der Mitarbeiter. So sollen zum Beispiel Mitarbeiter im Produktionsverbund monatlich mindestens drei Stunden für digitale Weiterbildung – von Datenkompetenz bis KI-Anwendung – nutzen können. Besonders wichtig sei es, die Scheu vor neuen Technologien abzubauen. Die Erfahrung zeige, dass die Akzeptanz nicht vom Alter abhänge: Viele erfahrene Kolleginnen und Kollegen nutzten KI gezielt, um ihre Innovation in verbesserte Prozesse zu übersetzen.
Fazit: Innovation neu gedacht – Der Dialog geht weiter
Zum Abschluss dankte Dr. Otto Quintus Russe, Geschäftsführer des House of Pharma & Healthcare dem Referenten für die Einblicke in die KI-Strategie eines global agierenden Unternehmens. Der Abend zeigte, dass Künstliche Intelligenz – insbesondere agentische KI – das Potenzial hat, die transformative Kraft Nummer eins der nächsten Jahre zu sein: Sie kann die gesamte Wertschöpfungskette neugestalten, Forschung beschleunigen, Diagnosen verbessern, personalisierte Therapien ermöglichen und neue Medikamente schneller zu Patientinnen und Patienten bringen.
Mit Veranstaltungen wie diesem aufgezeichneten Online-Vortrag möchte das House of Pharma & Healthcare gemeinsam mit der Stiftung für Arzneimittelsicherheit den Dialog zwischen Wissenschaft, Industrie, Regulatoren und Gesellschaft weiter fördern. Denn die Zukunft der forschenden Arzneimittelindustrie wird maßgeblich davon abhängen, wie es gelingt, die Potenziale von KI verantwortungsvoll zu nutzen – zum Nutzen der Patientinnen und Patienten, der Mitarbeitenden und des Gesundheitsstandorts Deutschland insgesamt.

